Eine Stunde bevor es klingelt, verändert sich das Zuhause.
Der Pullover verschwindet von der Sofalehne. Die Schuhe im Flur werden nebeneinandergestellt. Ein Ladekabel wird hinter einem Kissen versteckt, zwei ungeöffnete Briefe wandern in eine Schublade. Auf dem Esstisch liegt noch ein Blatt aus der Schule, eine Ecke mit blauem Filzstift ausgemalt. Auch das kommt weg.
Nicht weil es schmutzig wäre.
Nur weil gleich jemand kommt.
Wir wischen über Flächen, schütteln Kissen auf und tragen Dinge von einem Zimmer ins andere.
Wir räumen nicht nur Dinge weg. Wir entscheiden, welche Spuren von uns sichtbar bleiben.
Besuch soll es schön haben. Auf dem Tisch soll Platz sein. Im Bad hängt ein frisches Handtuch. Der Sessel, auf dem sonst eine Tasche liegt, wird freigemacht. Gastfreundschaft beginnt oft genauso: Wir schaffen für einen anderen Menschen Platz.
Und doch verschwinden dabei nicht nur Dinge, die im Weg sind.
Wir räumen den Zettel weg, auf dem drei Dinge stehen, die wir heute erledigen wollten. Die Schere neben einem geöffneten Paket. Den Wäschekorb, aus dem noch ein Ärmel hängt.
Sie verraten, dass ein Tag hier nicht fertig geworden ist.
Es sind keine großen Geheimnisse. Nur kleine Hinweise darauf, dass hier jemand begonnen, unterbrochen und etwas auf später verschoben hat.
Vielleicht ist es nicht die Unordnung, die wir verbergen. Sondern das Unabgeschlossene.
Ein aufgeräumter Raum zeigt keine Müdigkeit. Er erzählt nicht, dass jemand zu spät aufgestanden ist, die Post liegen gelassen oder den Wäschekorb auf halbem Weg stehen gelassen hat. Für einen kurzen Moment sieht er aus, als würde das Leben darin immer rechtzeitig zu Ende gebracht.
Dann klingelt es.
Die Tür geht auf. Jacken kommen in den Flur. Eine Tasche landet auf dem eben freigeräumten Sessel. Gläser stehen auf dem Tisch, bald nicht mehr dort, wo sie hingestellt wurden. Jemand sucht eine Steckdose und zieht dabei das Ladekabel hinter dem Kissen hervor. Ein Kind braucht einen Stift, und das Blatt aus der Schule wird wieder aus der Schublade geholt.
Ein Zuhause wird nicht persönlich, weil alles von uns zu sehen ist. Sondern weil nicht jede Spur rechtzeitig verschwindet.
Später fällt die Tür hinter den letzten Gästen ins Schloss.
Für einen Moment ist es wieder still. Die Ordnung von vorher kehrt nicht zurück.
Im Flur stehen die Schuhe nicht mehr in einer Reihe. Auf dem Tisch liegt eine zerknitterte Serviette. Unter einem Sessel ist die Kappe eines Filzstifts liegen geblieben.
Das Blatt aus der Schule liegt wieder auf dem Tisch.
Diesmal zwischen zwei benutzten Gläsern.