Es gibt Räume, in denen alles seinen Platz hat.
Das Sofa steht dort, wo ein Sofa stehen soll.
Daneben ein Tisch.
Darauf ein Buch und eine Schale.
An der Wand ein Bild.
In der Ecke eine Pflanze.
Nichts daran ist falsch.
Und trotzdem fehlt manchmal etwas.
Nicht noch ein Möbelstück.
Nicht noch ein Bild.
Sondern das Gegenteil.
Ein wenig Platz.
Wir haben gelernt, Räume über die Dinge zu betrachten, die in ihnen stehen.
Wir fragen nach dem Sofa.
Nach der Lampe.
Nach der Farbe der Wand.
Nach dem Teppich, der noch fehlen könnte.
Selten fragen wir nach dem, was dazwischen liegt.
Dabei beginnt ein Raum vielleicht genau dort.
Zwischen der Kante des Tisches und dem Sessel.
Auf der leeren Wand neben einem Bild.
In den drei Schritten vom Bett bis zum Fenster.
Dort, wo nichts steht.
Solche Stellen wirken schnell ungenutzt.
Als hätte jemand vergessen, sie fertig einzurichten.
Also beginnen wir, sie zu füllen.
Ein kleiner Tisch passt noch hinein.
Eine Vase auf die Kommode.
Ein Korb in die Ecke.
Noch ein Kissen auf das Sofa.
Bis irgendwann jeder freie Zentimeter eine Aufgabe bekommen hat.
Auch Dinge, die keinen Ton von sich geben, können laut sein.
Leere fühlt sich deshalb zunächst ungewohnt an.
Wir stehen vor einer freien Wand und überlegen, was dort hin könnte.
Wir sehen eine unbesetzte Ecke und beginnen zu suchen.
Dabei fehlt dort womöglich gar nichts.
Am Morgen fällt Licht auf den Boden.
Es braucht dort keinen Sessel.
Am Nachmittag wandert ein Schatten über die Wand.
Und wenn abends nur die kleine Lampe neben dem Sofa brennt, bleiben zwischen ihren Lichtkegeln dunkle Stellen.
An einem Sonntagmorgen steht eine Tasse auf dem Boden neben dem Sofa.
Nicht auf einem Untersetzer.
Daneben liegt ein Buch, mit dem Rücken nach oben, weil jemand gestern Abend mitten auf einer Seite aufgehört hat.
Die Balkontür ist einen Spalt geöffnet.
Der Vorhang bewegt sich kaum.
Auf dem Holzboden ist noch der matte Kreis einer Tasse vom Vortag zu sehen.
Eigentlich müsste man ihn wegwischen.
Aber für einen Moment bleibt alles so.
Später bleibt davon vielleicht etwas anderes.
Nicht die Vase.
Nicht der Name der Wandfarbe.
Sondern wie morgens das Licht durch eine Tür fiel.
Wie sich ein Vorhang bewegte.
Wie viel Boden zwischen zwei Möbelstücken lag.
Wie still ein Raum sein konnte, obwohl draußen längst jemand mit dem Auto zur Arbeit fuhr.
Trotzdem fällt es uns schwer, diesen Platz auszuhalten.
Eine freie Wand sieht schnell unfertig aus.
Eine leere Ecke wie eine verpasste Möglichkeit.
Eine Fläche ohne Dekoration beinahe wie eine Entscheidung, die noch nicht getroffen wurde.
Also stellen wir etwas hin.
Und noch etwas.
Bis die Lücke verschwunden ist.
Nicht jede Wand braucht ein Bild.
Nicht jede Ecke eine Idee.
Manches darf frei bleiben.
Damit Licht irgendwo hinfallen kann.
Damit wir durch einen Raum gehen, ohne überall anzuhalten.
Am späten Nachmittag wandert die Sonne langsam aus dem Wohnzimmer.
Zuerst verschwindet sie vom Sofa.
Dann vom Teppich.
Nur auf dem Holzboden bleibt noch ein schmaler heller Streifen.
Die Tasse steht noch immer dort.
Der matte Kreis vom Vortag ist im schrägen Licht kaum noch zu sehen.
Draußen bewegt sich der Vorhang ein letztes Mal.
Niemand stellt etwas in die freie Ecke.