In vielen Schlafzimmern steht ein Stuhl, auf dem kaum jemand sitzt.
Auf der Sitzfläche liegt die Jeans vom Vorabend. Über der Lehne hängt ein Pullover, hastig abgestreift. An einem Stuhlbein lehnt eine Tasche, aus deren Seitenfach noch ein zerknitterter Kassenzettel ragt.
Nichts davon gehört wirklich dorthin.
Aber auch noch nicht woandershin.
An den Knien trägt die Jeans noch die Falten vom Vortag. Sie soll am nächsten Morgen wieder angezogen werden. Der Pullover braucht nur einen Platz bis dahin. Die Tasche müsste ausgeräumt werden, nur nicht jetzt.
So wird der Stuhl zu einer kleinen Vereinbarung mit später.
Später wird aufgehängt, gefaltet, ausgeräumt. Später wird entschieden, was zurück in den Schrank gehört. Doch bis dahin trägt der Stuhl all jene Dinge, für die am Ende des Tages kein Handgriff mehr übrig war.
Am Abend beginnt manchmal ein leises Ritual. Der Stapel wird vom Sitz genommen und für einen Moment auf die Bettkante gelegt. Die Tasche bleibt am Stuhlbein stehen. Sobald die Decke am nächsten Morgen glattgezogen ist, wandert alles zurück. Der Stuhl hat längst eine Aufgabe übernommen, die in keinem Möbelkatalog vorgesehen war.
Er bewahrt das Unfertige auf.
Wir mögen Räume, in denen alles seinen festen Platz hat. Schubladen, die sich schließen lassen. Flächen, auf denen nichts liegen bleibt. Ein leerer Stuhl wirkt ordentlich. Auf Bildern sieht er besser aus.
Doch ein Zuhause besteht nicht nur aus fertigen Zuständen.
Zwischen Ausziehen und Aufräumen, Heimkommen und Weitergehen entstehen kleine Pausen. Niemand hat sie eingerichtet. Trotzdem brauchen sie einen Ort.
Der Stuhl nimmt sie auf.
Nicht besonders elegant. Nicht für immer. Aber lange genug, damit ein Tag enden kann, bevor alles von ihm weggeräumt ist.
Irgendwann verschwindet der Stuhl unter den Dingen. Dann wird aus dem kurzen Warten etwas, das den Raum unruhig macht.
Doch manches ist nur Alltag zwischen zwei Handgriffen.
Ein Zuhause, das nur schön bleibt, solange niemand etwas ablegt, ist empfindlicher, als es aussieht.
Auf dem Stuhl behalten die Dinge etwas von ihrer Nähe zum Körper. Der Gürtel steckt noch in zwei Schlaufen, die Schnalle liegt quer auf dem Stoff. Ein Ärmel ist nach innen gezogen, die Schulter des Pullovers leicht eingesunken.
Die Stoffe haben die Bewegung des Körpers noch nicht ganz vergessen.
Am späten Abend fällt noch einmal Licht durch die Tür. Die Jeans liegt auf der Sitzfläche, der Pullover über der Lehne.
Ein Ärmel berührt fast den Boden.